Literatuur

Meine polnische Bibliothek

Literatur aus neun Jahrhunderten

Karl Dedecius
Insel, Frankfurt, 2011
gebonden

Door Iwona Maczka, Germanist en vertaler Duits en Pools

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Beim Zusammenstellen seines neuesten Buches stand Karl Dedecius nach eigenem Bekunden vor einer prinzipiellen Entscheidung: entweder viel über weniges, oder wenig über vieles in seinen Band aufzunehmen. Seine Wahl fiel auf letzteres. Dedecius konzipierte Meine polnische Bibliothek. Literatur aus neun Jahrhunderten als eine handliche Einführung und Einsicht in die polnische Kultur- und Geistesgeschichte vom Mittelalter bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhundert. Das Werk ist für diejenigen bestimmt, denen die beiden früheren Sammlungen des Autors, das von ihm herausgegebene Panorama der polnischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts oder die Polnische Bibliothek, zu umfangreich und detailliert erschienen.

Die imponierende, fünfzig-bändige Bücherreihe Polnische Bibliothek umfasst neben Gattungsanthologien, Werkausgaben der bedeutendsten Lyrikautoren und den wichtigsten polnischen Romanen auch kulturhistorische Dokumente und Essays. Das groß angelegte sieben-bändige Panorama der polnischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts ist das erste Lexikon über polnische Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts in deutscher Sprache. In diesem Kontext erscheint das eher bescheidene Meine polnische Bibliothek. Literatur aus neun Jahrhunderten als nicht mehr als eine Sammlung der repräsentativsten Ausschnitten aus der schriftlich festgelegten Kulturgeschichte Polens. Es schließt sich damit der Ansicht des polnischen Aphoristikers Stanisław Jerzy Lec an, der meinte die Fähigkeit eines Autors sich möglichst kurzzufassen sei bewundernswert, da am Ende doch nicht mehr als Scherben und Zitate übrigbleiben würden. Die Auswahl der Texte in dem Band ist gleichzeitig den Kern dessen, was Dedecius dem Leser aus dem deutschsprachigen Raum in den vorangehenden Jahren so ausführlich vorgelegt hat.

Karl Dedecius wurde 1921 in der polnischen Textilindustriestadt Łódź geboren. Seine Mutter war schwäbischer, sein Vater deutsch-böhmischer Herkunft. Zu Hause sprach Dedecius Deutsch, auf der Straße Polnisch. Er besuchte ein polnisches Gymnasium, wurde aber als Volksdeutscher während des Zweiten Weltkriegs in die Wehrmacht einberufen und geriet nach der Schlacht von Stalingrad in Kriegsgefangenschaft. Im russischen Lager begann seine Abenteuer mit der literarischen Übersetzung, das ihn während seines ganzen Lebens begleitet hat. Nach der Rückkehr in die deutsche Heimat, die er erst kennenlernen musste, hat sich Dedecius der Aufgabe verschrieben, als Vermittler zwischen Kulturen aufzutreten und dem deutschen Leser dasjenige, was ihn selbst in seiner Jugend geformt hat, nahezubringen. Dafür erhielt er 1990 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und neun Jahre später die höchste polnische Auszeichnung, den Orden des Weißen Adlers.

Dedecius’ neuestes Buch, das zu seinem neunzigsten Geburtstag publiziert wurde, rekapituliert sein Lebenswerk als Übersetzer und bietet einen chronologischen Einblick in die komplizierte polnische Geschichte. Um den deutschsprachigen Lesern die Deutung der Texte zu vereinfachen oder manchmal sogar erst überhaupt zu ermöglichen, hat Dedecius die Anthologie mit Kurzbibliografien und einer knappen Epochenübersicht versehen. Er eröffnet den Band mit den mittelalterlichen Chroniken, die vom Ursprung Polens berichten, und schließt mit den Texten der wichtigsten Autoren der Nachkriegszeit, wie Tadeusz Różewicz, Sławomir Mrożek, Adam Zagajewski und den Nobelpreisträgern für die Literatur, Czesław Miłosz und Wisława Szymborska, ab. Er bringt in seinem Buch neben literarischen auch historische und philosophische Texte, neben Roman- und Dramenauszügen, Briefe, neben Gedichten Tagebuchausschnitte unter. So lernt der Leser neben dem Dichter Adam Mickiewicz den Historiker Joachim Lelewel, neben dem Politiker Józef Piłsudski den Pädagogen Janusz Korczak und den Philosophen Leszek Kołakowski kennen. Trotz der beschränkten Länge der präsentierten Ausschnitte, liefert diese bunte Mischung ein gründliches und nuanciertes Bild der polnischen Kulturgeschichte, von deren Anfängen bis in das letzte Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts. Nur wenige nennenswerte Zeitgenossen, wie zum Beispiel der Prosaiker Wiesław Myśliwski und der Soziologe und Denker Zygmunt Bauman, fehlen in dieser Übersicht. Auch die Autoren, die erst Ende des zwanzigsten oder Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts debütierten, wie Andrzej Stasiuk, Olga Tokarczuk, Wojciech Kuczok, Dorota Masłowska, Jacek Dehnel oder Inga Iwasiów, sind in der Anthologie nicht vertreten, da sie entweder nicht mehr von Karl Dedecius, sondern von seinen Nachfolgern übersetzt worden sind, oder noch gar nicht in der deutschen Sprache erschienen. Den kommenden Generationen sei laut Dedecius auch die Aufgabe überlassen, die Kulturgeschichte Polens für den (deutschsprachigen) Leser in Zukunft zu aktualisieren und mit neuen Namen zu ergänzen.